Marktanomalie: Ramping
Kurz erklärt: Gezielt gestückelte Serien echter Ausführungen schieben einen Preis in kurzer Zeit nach oben (oder seltener: nach unten), um Trend-Signale zu erzeugen, Stops/Breakouts zu triggern und Folgefluss zu ziehen. Überschneidet sich mit Momentum Ignition, benötigt aber keine Quote-Täuschung – die Wirkung entsteht durch Fills.
Dokumentierte Szenarien (CEX-basiert)
- Mt. Gox 2013–2014 („Willy/Markus“-Bots): Berichte und Analysen zeigen auffällige Kaufserien eines Bot-Clusters, korreliert mit starken BTC-Anstiegen – prototypisches Ramping-Profil (massierte Aggressionskäufe bei geringem Gegenfluss).
- FTX/Alameda (FTT „Price Support“, 2021–2022): Klage-/Zeugenaussagen beschreiben wiederholte FTT-Käufe, um den Preis zu stützen/über Schwellen zu halten – funktional Ramping (Preisstützung via Ausführungsserien).
- US-Behördenaktionen 2024/2025 (Operation „Token Mirrors“): DoJ/SEC verfolgten Netzwerke, die u. a. mittels manipulativer Handelsmuster Preis und Aktivität erhöhten – teils mehrbörslich. (Akten fokussieren auf Fake-Volumen/Wash; Ziel „Preishebung“ wird in Fällen ebenfalls benannt.)
Einordnung: Unterschied zwischen gerichtsfesten Tatsachen (z. B. FTT-Stützung als Handlungsziel) und der fachlichen Lesart als Ramping-Profil.
Funktionsprinzip
- Anstoß: Wiederholte, gestückelte Market-/Sweep-Käufe (oder -Verkäufe) über mehrere Preisstufen.
- Signal: Serie hebt/drückt Mid/Last; Breakout-/Stop-Algorithmen und Trendfolger springen an.
- Mitnahme: Position wird in den Folgefluss hinein reduziert/gedreht (Exit-Liquidity).
- Werkbank: Reine Ausführungsserien oder in Kombi mit Vorstufen (z. B. Orderbuch „dünnen“ via Layering/Spoofing).
- Wirkung: Viele reagieren regelbasiert auf Impuls+Volumen; auch kleine Prints können in dünnen Büchern große Effekte erzeugen.
Eindeutige Erkennungsmerkmale (live beobachtbar)
- Einseitige Aggression: Buy-/Sell-Initiation ≥ 80 % im Kurzfenster, stetiger Tick-Auf-/Abstieg.
- „Stufenleiter“ im Preis: Folge-Up-/Down-Ticks mit ähnlichen Stückzahlen, wenig Gegenprints.
- Depth-Erosion: Betroffene Seite erodiert bei stabilem Spread; VWAP zieht der Serie sichtbar nach.
- Folgefluss: Stop-Runs/Breakouts direkt nach dem Hub (Volumen-Nachlauf).
- Cross-Venue-Spillover: Lead/Lag ≤ 1 s zu großen CEXs; rein lokale Events zeigen schwächeren Spillover.
Warum CEXs anfällig sind
- Fragmentierung & 24/7: Unterschiedliche Tiefe – koordiniertes Notional wirkt überproportional.
- Altcoins/Perps: Dünne Bücher + Hebel/Stops → kleine Serien genügen, um Kaskaden zu zünden.
- Begrenzte Quer-Markt-Transparenz: Kein CAT-Äquivalent; Absicht schwerer belegbar, Mustererkennung entscheidend.
Vergleich: regulierte Börsen
Definition & Überwachung: Aufsichten (z. B. ASIC) beschreiben Ramping explizit als Serientrades in kurzer Zeit → ungewöhnliche Preisbewegung; FCA hebt Orderbuch-Analytik hervor. Durchsetzung: FCA-Fälle zu „Share Ramping“ zeigen Sanktionen; EU-/UK-MAR adressieren Momentum-Ignition/Ramping. Marktschutz: Volatility-Interrupts, LULD & systematische Surveillance machen Ramping früh sichtbar.
Warum Früherkennung kritisch ist – und was sich in der EU ändert
- Handelskosten & Risiko: Späte Erkennung ⇒ Einstiege in künstlich befeuerte Moves (Slippage/Whipsaws).
- Systemeffekte: In Perps können Ramping-Schübe Liquidationsketten & Quant-Fehlsignale auslösen.
- MiCA & Übergang: Geltung seit 30.12.2024; Übergangsregime bis 01.07.2026 je Mitgliedstaat – Aufseher erwarten wirksame Kontrollen gegen verhaltensbasierte Anomalien wie Ramping.
Konkrete Schwellen/Alarm-Regeln (E3/E2/E1)
Je Symbol/Venue adaptiv gegen 30-Tage-Baseline (gleiche Tageszeit). Benötigt: Trade-Tape mit Aggressor-Flag, L2-Tiefe; ideal: mehrere Venues.
E3 (hoch) – „Serien-Hub + Folgefluss“
- Aggressor-Quote im 5-Sek-Fenster ≥ 85 % eine Seite,
- z-Score der 1-Sek-Rendite ≥ 3,0 und Depth-Drop ≥ p99,
- Volumen-Nachlauf im 10-Sek-Fenster ≥ p95,
- Cross-Venue-Lead/Lag ≤ 1 s zu ≥ 1 großer Referenz-CEX.
E2 (mittel) – „Stufenleiter ohne News“
- ≥ 3 Sweeps in ≤ 15 s mit progressivem Tick-Anstieg,
- Aggressor-Quote ≥ 75 % im 10-Sek-Fenster,
- VWAP-Abstand zum Mid > p97, Spread bleibt stabil.
E1 (niedrig) – „Vorwarnung“
- Serien kleiner, ähnlicher Stückzahlen (± ≤ 10 %) mit einseitigen Up-/Down-Ticks ohne News-Kontext → Watchlist.
Praxis-Hinweise (Fehlalarme minimieren)
- News/Listing zuerst prüfen: Fundamentalmoves können ähnlich aussehen.
- Quote-Hektik ≠ Ramping: Ramping braucht Ausführungen; OTR-Spikes ohne Fills = kein Ramping.
- Arb/Flow abgrenzen: Breitmarktige Moves sind kohärent über Venues; Ramping startet oft lokal.
- Altcoins/Perps getrennt kalibrieren: Dünne Tiefe → niedrigere Schwellen, mehr False Positives; Cross-Venue-Check hilft.
- Quantil statt Fix-Schwellen: Intraday-Saisonalität berücksichtigen; Metriken kombinieren (Aggressor-Quote + Depth + Nachlauf).
Warum das wichtig ist (Trader-Nutzen & Compliance)
- Für Trader: Frühzeitige Erkennung reduziert FOMO-Fills, verbessert Stop-Platzierung/Breakout-Qualität, senkt Slippage.
- Für Betreiber/Compliance: Evidenz aus Aggressionsserien, Depth-Erosion, Lead/Lag & Spillover stützt Reviews und STORs – im Sinne von MiCA/MAR.
Relevante Quellen
- ASIC – „Report 215: Australian equity market structure“ (2010): Ramping-Definition („Serien von Trades in kurzer Zeit → ungewöhnliche Preisbewegung“).</li>
- FCA – „Market Watch 67/69“ (2021/2022): Orderbuch-Daten zur Erkennung von Marktmissbrauch; Praxis-Surveillance.
- FCA – Final Notices „Simon Eagle“ (2010) & „Graham Betton“ (2011): Share-Ramping-Fälle, Sanktionen.
- Gandal et al. (2018): „Price manipulation in the Bitcoin ecosystem“ – Mt. Gox-Analyse (Zusammenhang verdächtiger Handel ↔ BTC-Anstieg).
- The Guardian (29.05.2014): „Bitcoin bots bought millions in the last days of Mt Gox“ – Willy/Markus-Bots.
- SEC – Klageschrift gegen Caroline Ellison & Gary Wang (21.12.2022): Passagen zu FTT-Preisstützung durch Käufe auf Plattformen.
- CFTC/SEC/DoJ – Operation „Token Mirrors“ (ab Okt. 2024): Presse/Klagen zu manipulativen Mustern (inkl. preissteigernder Strategien; 2025 Schuldbekenntnisse/Urteile).
- ESMA – „Statement on MiCA Transitional Measures“ (17.12.2024) & AMF-Zeitplan: Anwendung ab 30.12.2024, Übergang bis 01.07.2026 möglich.