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Marktanomalie: Wash Trading

Kurz erklärt: Eine Marktanomalie, bei der derselbe Akteur (oder verbundene Konten) kauft und verkauft, um künstlich Volumen zu erzeugen. Für Außenstehende sieht das nach „viel Handel“ und „guter Liquidität“ aus, obwohl kein echtes Risiko übertragen wird. Typisch sind schnelle Hin-und-Her-Trades mit ähnlichen Größen („Round-Trips“) und kurzer Haltedauer. Das kann Preisfeeds, Rankings und Vertrauen verzerren. Für Einsteiger: Hohe Volumensprünge allein sind kein Qualitätssignal – immer auch auf Ausführungstiefe und Preisdrift achten.

Markt CEX Spot, CEX Derivate
Evidenzstatus & Stand Spot-belegt · Stand: 18.10.2025, 12:00 UTC

Dokumentierte Szenarien (CEX-basiert)

  • Coinbase (GDAX), 2015–2018: Die US-Derivateaufsicht stellte fest, dass auf GDAX Eigenhandels-Konstellationen („Self-Trades“) stattfanden; zugleich wurden irreführende Volumenberichte sanktioniert. Ergebnis: Vergleich über 6,5 Mio. USD am 19. März 2021.
  • Binance.US, 2019–2022: In der SEC-Klage vom 5. Juni 2023 wird u. a. behauptet, eine nahestehende Handelsfirma (Sigma Chain) habe Wash-Trades genutzt, um Volumen auf Binance.US aufzublähen. Status: Vorwurf der Behörde, Verfahren anhängig.

Funktionsprinzip

Kurz gesagt: Bei Wash Trading werden Kauf- und Verkaufsorders derselben wirtschaftlichen Einheit so gegeneinander ausgeführt, dass kein echter Eigentümerwechsel stattfindet – das „Handelsvolumen“ wirkt groß, ist aber Scheinaktivität.

So läuft es praktisch ab

  1. Ein Akteur kontrolliert mehrere Börsenkonten (z. B. Haupt- und Nebenaccount).
  2. Er platziert gleichzeitig Kauf und Verkauf derselben Menge auf demselben Preisniveau.
  3. Die Matching-Engine sieht zwei passende Orders und füllt sie – ohne zu wissen, dass beide Seiten wirtschaftlich zusammengehören (sofern keine wirksame Self-Trade-Prevention aktiv ist).
  4. Wiederholt im Sekunden-Takt oder via Bots entsteht der Eindruck von viel Liquidität/Nachfrage, obwohl keine neuen Marktteilnehmer aktiv sind.

Warum es wirkt: Viele Trader nutzen Volumen als Vertrauenssignal (Breakouts, Listings, Rankings). Scheinvolumen kann Preisfindung verzerren, Algos anlocken und kurzfristig Spreads/Markttiefe beeinflussen. In regulierten Märkten verboten; auf CEX hängt Prävention stark von interner Überwachung ab (siehe STP).

Eindeutige Erkennungsmerkmale (live beobachtbar)

  • Self-Trade-Muster: Auffällig viele Fills zwischen verbundenen Konten (KYC/IP/Key-Cluster), Netto-Position ≈ 0.
  • „Ping-Pong“-Folgen: identische Größen/Preise in enger Taktung zwischen denselben Kontopaaren.
  • Volumen ohne Preisfortschritt: Viel Tape-Aktivität, Trend stagniert (VWAP/Spread ändern sich kaum).
  • Statistische Auffälligkeiten: Häufung runder Größen und Erstziffern-Abweichungen (Benford) – robuste Indizien in der Forschung.

Warum CEXs anfällig sind

CEXs kontrollieren Orderbuch und Reporting selbst; externe Prüfbarkeit der Order-Herkunft ist begrenzt. Zudem bestehen Anreizkonflikte (z. B. Volumen-Rankings, Market-Maker-Programme). Der NY-Generalstaatsanwalt dokumentierte 2018 Transparenz-/Überwachungslücken bei Handelsplattformen.

Vergleich: regulierte Börsen

An Aktienmärkten sind Self-Trade-Prevention (STP/SMP) gängig (z. B. Nasdaq) und verhindern automatisch, dass Orders desselben Teilnehmers gegeneinander laufen. Zusätzlich erlaubt der Consolidated Audit Trail (CAT, SEC Rule 613) eine vollständige Order-Nachverfolgung über alle Börsen hinweg – zirkuläre Eigengeschäfte fallen schneller auf und werden sanktioniert.

Früherkennung & was sich in der EU ändert

Früherkennung schützt Trader vor Scheinvalidität im Volumen und Fehleinschätzung der Liquidität. In der EU ist MiCA seit 30. Dezember 2024 in weiten Teilen anwendbar; für Anbieter, die vorher bereits tätig waren, läuft eine Übergangsfrist bis 1. Juli 2026 (je nach Mitgliedstaat). ESMA-Leitlinien 2025 konkretisieren, wie Marktmissbrauch (inkl. volumengestützter Täuschung) präventiv erkannt und überwacht werden soll – mit höheren Anforderungen an Surveillance-Systeme und Dokumentation.

Konkrete Schwellen/Alarm-Regeln (E3/E2/E1)

Adaptiv, quantilbasiert, je Symbol/Venue gegen eine 30-Tage-Baseline zur gleichen Tageszeit messen. Benötigte Daten: Trade-Tape Zeit/Preis/Menge. Ideal: Venue-Flag für Self-Trades.

E3 (hoch) – starke Evidenz

  • Round-Size-Ratio (Anteil runder Größen wie 1/2/5/10/20 × Lot) > p99 und
  • Benford-Abweichung (Erstziffern-Distanz) > p99 und
  • VWAP-Drift im 15-Min-Fenster < 5 bp bei Volumen > p99.

E2 (mittel)

  • Serielle „A↔B“-Sequenzen (wiederkehrende Gegengeschäfte zweier Cluster) > p99, oder
  • Self-Trade-Quote (falls verfügbar) > p99 bei Netto-Positionsänderung ~ 0.

E1 (niedrig)

  • Round-Size-Ratio > p97 oder Benford-Abweichung > p97 (ohne Volumen-Extrem) → Watchlist.

Die statistische Logik – Runden/Benford – ist in der Fachliteratur zu Krypto-Wash-Trading etabliert.

Praxis-Hinweise (Fehlalarme minimieren)

  • Market-Making abgrenzen: Interne Netting/Inventur-Shifts können scheinbar Ping-Pong erzeugen – Konto-Cluster (KYC/IP/API-Keys) mit auswerten.
  • News/Index-Events prüfen: Re-Weights, Airdrops, Gebühren- oder Tick-Änderungen können temporär untypische Größenmuster auslösen.
  • Cross-Venue-Abgleich: Preisweg/Volumenmuster börsenübergreifend prüfen; reine Venue-Artefakte vermeiden.

Warum das wichtig ist (Trader-Nutzen & Compliance)

  • Für Trader: Fills auf „aufgeblasenem“ Volumen vermeiden, Slippage-Risiko reduzieren, Trendqualität realistischer bewerten.
  • Für Betreiber/Compliance: Sauber belegte Signale (Metriken, Zeitstempel, Baselines) erleichtern interne Reviews, Kundenkommunikation und – falls erforderlich – die Zusammenarbeit mit Aufsichtsbehörden.

Relevante Quellen

  • U.S. Commodity Futures Trading Commission (CFTC) – Pressemitteilung „CFTC Orders Coinbase Inc. to Pay $6.5 Million for … Wash Trading“, 19. März 2021 (behördlich festgestellt/vergleichsweise beigelegt).
  • CFTC – Order „Coinbase, Inc.“, 19. März 2021 (Detaildarstellung der internen Programme „Hedger“/„Replicator“ und Self-Trades auf GDAX).
  • U.S. Securities and Exchange Commission (SEC) – Klage gg. Binance / BAM Trading / Sigma Chain, 5. Juni 2023 (behördliche Vorwürfe; Abschnitt zu „Sigma Chain’s Wash Trading“).
  • Office of the New York State Attorney General (NY OAG) – „Virtual Markets Integrity Initiative Report“, 18. September 2018 (Transparenz-/Überwachungsdefizite auf Krypto-Plattformen).
  • Nasdaq – „Self Trade Prevention (STP) – Factsheet“, 2. April 2024 (Funktionsweise STP/SMP in regulierten Märkten).
  • SEC / CAT NMS, LLC – Überblick „Consolidated Audit Trail (CAT) – Rule 613“ (börsenübergreifender Order-Audit-Trail in den USA).
  • Cong, Li, Tang, Yang – „Crypto Wash Trading“, NBER Working Paper 30783, 2022; Management Science 69(11), 2023 (Benford/Größen-Tests; Evidenz auf 29 CEXs).
  • ESMA – MiCA-Seite & Leitlinien 2025 zur Prävention/Erkennung von Marktmissbrauch (Übergangsregeln, Aufsichtspraxis in der EU).