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Beitrag 9

Marktanomalie: Marking the Close (Fix/Settlement)

Kurz erklärt: Preis genau in einem Referenz- oder Abrechnungsfenster (z. B. Index-/Fix-Zeit) verschieben, um den Referenzwert zu beeinflussen. Typisch: konzentrierte Spot-Prints in den relevanten Minuten, mehrere gleichgerichtete Partitionen und anschließende Reversion. Für Einsteiger: Fensterzeiten kennen – in diesen Minuten nicht blind crossen.

Markt CEX Derivate
Evidenzstatus & Stand Derivate-belegt · Stand: 18.10.2025, 12:00 UTC

Dokumentierte Szenarien (CEX-basiert)

  • Deribit, 31.10.2019 (Index-/Settlement-Fenster): Fehler in der Indexberechnung → abrupter Preissturz, Stops/Liquidationen; Erstattung von ~150 BTC (~1,3 Mio. USD) und öffentliche Erklärung. Zeigt Sensitivität von Index-/Settlement-Fenstern.
  • OKEx BCH-Futures, 11/2018 (frühzeitige Abrechnung): Nach heftigen Bewegungen wurde zum letzten gehandelten Preis abgerechnet; es gab Manipulationsvorwürfe, die Börse widersprach. Unabhängig vom Ausgang unterstreicht der Fall die Kritikalität des Abrechnungspunktes.

Einordnung: Krypto-Spotmärkte haben keinen Börsenschluss. „Marking the Close“ zeigt sich hier als „Marking the Fix/Settlement“ – das Beeinflussen von Referenz-, Mark- oder Settlement-Preisen rund um Expiry-, Fixing- oder Snapshot-Fenster.

Funktionsprinzip

Kurz & verständlich: Referenz-/Abrechnungspreise in engen Zeitfenstern (z. B. 30-Min-TWAP, Closing-Print) gezielt verschieben, um PnL, Payoffs, Funding oder Bewertungen zu beeinflussen.

So funktioniert das auf CEXs praktisch

  1. Zeitfenster: Definierte Beobachtungsfenster (z. B. 30-Min-TWAP, Snapshots alle 4 s) bestimmen den Settlement-Preis; Mark-Price basiert auf Index + Basis-Anpassung.
  2. Hebelpunkte: Bewegungen nahe am Fix/Settlement in Spot-Quellen oder der Spot-Perp-Basis prägen TWAP/Final-Print – besonders bei dünnen Büchern/wenigen Constituents.
  3. Taktik: Kurz vor/innerhalb des Fensters konzentrierte Käufe/Verkäufe über Index-Quellen, oft wellenartig zu Snapshot-Zeitpunkten.
  4. Ergebnis: PnL-Vorteile (z. B. Optionen ins Geld), günstigere Funding/Abrechnung, „glattere“ Stichtagswerte.

Eindeutige Erkennungsmerkmale (live beobachtbar)

  • Preis-Spikes in Index-Quellen nur während des Settlement-/TWAP-Fensters; mehrere Micro-Bursts auf Snapshot-Zeitpunkten; Reversal kurz nach Fensterende.
  • Spot-Perp-Basis-Sprung in den letzten Minuten vor Expiry/Funding-Snapshot, gefolgt von schneller Normalisierung.
  • Asymmetrischer Impact: geringe Ausführungsmengen bewirken überproportionale TWAP-Verschiebung bei sonst ruhigem Intraday-Profil.
  • Konzentration auf wenige Index-Constituents (mit hoher Methodik-Gewichtung).

Warum CEXs anfällig sind

  • Zentral definierte Indizes/Mark-Prices mit wenigen Quellen → geringeres Outlier-Filtering; einzelne Ausreißer wirken stärker.
  • 24/7-Handel + enge Fenster → klar planbare Hebelpunkte.
  • Kein CAT-Äquivalent (börsenübergreifender Audit-Trail) → Rekonstruktion von Absicht/Akteuren schwieriger.

Vergleich: regulierte Börsen

  • Klare Definition & Überwachung: „Marking the close“ ist explizit adressiert; unzulässige Preis-Sicherung („price securing“). Surveillance misst Schlussfenster vs. Intraday-Baseline.
  • Closing-Auktionen & Zeit-Sync: Auktionsmechaniken, MiFID II/RTS 25-UTC-Präzision und Cross-Market-Surveillance erschweren Fenster-Taktiken, erhöhen Beweisqualität.

Warum Früherkennung kritisch ist – und was sich in der EU ändert

  • Marktqualität & Fairness: Abrechnungs-Abweichungen wirken direkt auf PnL, Liquidationen, Margin – kleine Verzerrungen, große Folgen.
  • MiCA (EU) – Übergangsphase: Weitgehend anwendbar seit 30.12.2024; Übergang bis 01.07.2026 möglich. Erwartet wird datengetriebene Überwachung von Fix/Settlement-Fenstern, Outlier-Filtern und STOR-Prozessen.

Konkrete Schwellen/Alarm-Regeln (E3/E2/E1)

Adaptiv, quantilbasiert, je Symbol/Venue gegen 30-Tage-Baseline zur gleichen Tageszeit. Benötigt: L1/L2 der Index-Quellen, Perp/Spot-Basis, Snapshot-Schedule des TWAP, Trades.

E3 (hoch) – „Fix/Settlement klar verschoben“

  • ΔTWAP ≥ ±0,75 % im offiziellen Beobachtungsfenster, und
  • ≥ 60 % der TWAP-Verschiebung stammen aus ≤ 2 Index-Quellen (Quellen-Konzentration), und
  • Spot-Perp-Basis-Sprung ≥ 0,50 % im Fenster mit Reversal ≥ 50 % der Bewegung ≤ 15 Min nach Fensterende, und
  • Burst-Clustering an Snapshot-Zeitpunkten (z. B. alle 4 s) nachweisbar.

E2 (mittel)

  • ΔTWAP 0,30–0,75 % und Asymmetrie (≥ 40 % Notional aus 1–2 Quellen) und kurzer Reversal nach dem Fenster.

E1 (niedrig)

  • Wiederholte Micro-Bursts auf 2–3 Snapshots mit kleinen ΔBasis-Spikes → Watchlist, bis Konzentration/Reversal bestätigt ist.

Praxis-Hinweise (Fehlalarme minimieren)

  • Reale Roll-/Expiry-Flows (Hedging, Desk-Rolls) abgrenzen – legitime Aktivität im Fenster.
  • Index-Methodik & Outlier-Filter kennen (z. B. 30-Min-TWAP, 4-Sek-Sampling, Mehr-Quellen-Index) – nur Muster flaggen, die > erwarteter Robustheit liegen.
  • Cross-Venue-Check: Signal nur auf 1–2 Quellen ist verdächtiger als ein breiter Marktmove.
  • Liquidität & Gewichtung: Quellen mit hoher Index-Gewichtung priorisiert beobachten; Governance-Gewichte dokumentieren.

Warum das wichtig ist (Trader-Nutzen & Compliance)

  • Für Trader: Erkenne Fix/Settlement-Signaturen, vermeide falsche Abrechnungsniveaus, reduziere Slippage/Liquidations-Risiken.
  • Für Betreiber/Compliance: Sauber belegte Fenster-Anomalien (Zeitstempel, Quellen-Konzentration, Snapshot-Bursts, Reversal-Nachweis) stützen Reviews, Kundenkommunikation und STOR-Meldungen (MiCA/MAR).

Relevante Quellen

  • Deribit – „Deribit Flash Crash: A Letter from the Founders“, 1. Nov. 2019; Berichte zu ~1,3 Mio. USD Erstattung; CEO-Interview zur Index-Fehlerursache.
  • OKEx BCH-Futures (11/2018) – Branchenberichte zur Abrechnung und Vorwürfen; Börsenstellungnahme.
  • DFSA Rulebook – „CMC 2-2 Market Manipulation“ (Beispiele inkl. „marking the open/close“).
  • ESMA / MAR-Durchführungsakte – Indikatoren für „false or misleading signals“/„price securing“.
  • IOSCO – „Investigating and Prosecuting Market Manipulation“ (Marking-the-Close als klassisches Muster).
  • Deribit Docs – „Settlement“ & „Index Prices\": 30-Min-TWAP, 4-Sek-Snapshots, Mehr-Quellen-Index.
  • Trading Technologies – „Marking the Close: Surveillance Model“ (Arbeitsdefinition & Muster).
  • Cube.Exchange – „What is Mark Price?“ (Mark-/Index-Preis für Perps/Liquidationen).
  • CME – „Crypto Futures FAQs“ (formale Close/Reference-Definitionen; Best-Practice-Benchmark).
  • CoinDesk Research – „TWAP Settlement Rate Methodology“ (2025) (Allgemeine Beschreibung von TWAP-Fixings).