Marktanomalie: Liquidity-Mirroring (cross-venue)
Kurz erklärt: Liquidity-Mirroring bedeutet, dass eine Börse (oder ein Akteur) Quotes und Tiefe eines „führenden“ Spot-Venues nahezu zeitgleich repliziert - oft mit kleinem Latenz-Offset und Gebührenaufschlag. Ergebnis sind identische oder eng gepeggte BBO/Depth-Profile über mehrere CEXs, obwohl die „gespiegelte“ Venue kaum eigene Preisfindung leistet. Für Pros: stabile Lead/Lag-Muster, geringer Mirror-Error (bps) zwischen Referenz- und Nachzügler-BBO, synchrone Re-Quote-Bursts und Tiefe-Korrelation über Zeitfenster.
Dokumentierte Szenarien (CEX-basiert)
- 06.06.2024 – Kaiko „Crypto Exchange Liquidity Lowdown“ (Spot): Vergleich von Volumen vs. Markttiefe über große CEXs zeigt dauerhafte Führungsrollen bei Tiefe (z. B. LMAX, Coinbase, Kraken), während andere Venues häufig nachziehen - ein Umfeld, das Mirroring begünstigt. Belastbare Metriken: 1 %-Depth, Spread, Quote-Stabilität; reproduzierbare Venue-Ränge.
- 12.08.2024 – Kaiko „Liquidity Fragmentation Impacting Markets“ (Spot): Bei Marktereignissen divergieren Preise auf kleineren CEXs; in ruhigen Phasen nähern sich Touches wieder eng an Kern-Venues an - Hinweis auf latency-adjusted Pegs und Cross-Exchange-Arbitrage/Mirroring.
- 13.10.2025 – Kaiko „Liquidity Drought“ (BTC Spot, mehrere Venues): Gleichzeitige Verflachung von BTC-Orderbüchern über mehrere Börsen; synchrone Tiefe-Einbrüche deuten auf gemeinsame MM-Rückzüge/vernetztes Risikomanagement - negatives Liquidity-Mirroring (gleichläufige Entnahme).
Einordnung (Strukturbeleg): Cross-Exchange-Market-Making (XEMM) ist öffentlich dokumentiert: Limits auf Venue A, Hedge auf Venue B - die technische Blaupause des Liquidity-Mirroring. Market-Maker-Darstellungen nennen „Cross-Exchange Liquidity Mirroring/Remarketing“ explizit. (hummingbot.org)
Funktionsprinzip
- Referenz bestimmen: Ein Core-Venue (tiefe Orderbücher, guter Gegenfluss) fungiert als Preisanker. Ein Mirroring-Algo liest dessen BBO + Top-Depth in niedriger Latenz.
- Peg & Hedge: Auf dem Ziel-Venue werden angepasste Quotes (BBO ± Gebühren/Slippage-Puffer) gestellt. Fills werden sofort über das Core-Venue gehedgt (Taker) → synthetische Tiefe.
- Synchronisierung: Bei BBO-Sprung/Spread-Shift am Core feuert der Algo zeitgleiche Re-Quotes auf Ziel-Venues. Die Mirror-Error-Metrik (bps-Abstand zum Anker) bleibt klein und stabil.
- Abgrenzung: Mirroring ist nicht per se missbräuchlich. Anomal, wenn Quoten nur Fassade sind (kein Hedge-Cap), systematisch wegziehen (Quote-Baiting) oder Preisfindung verfälschen.
Eindeutige Erkennungsmerkmale (live beobachtbar)
- Mirror-Error (bps) ↓: |BBOZiel − BBOReferenz| / MidReferenz bleibt über viele Sekunden minimal (z. B. P5 der 30-Tage-Baseline).
- Lead/Lag-Stabilität: Konstante Führung eines Core-Venues (0,3–1,0 s) bei gleichgerichteten Re-Quote-Bursts (1-s-Bins).
- Depth-Korrelation: Top-k-Depth (Top-5/Top-10) zwischen Venues hoch korreliert, inkl. gleichzeitiger Replenishments.
- Spread-Co-Movement: Spread-Schübe am Core spiegeln sich kurz darauf am Ziel - ohne lokale News/Trades.
- Re-Quote-Ratio & OTR: Auf Ziel-Venues viele Quote-Updates je Fill (OTR ↑); Trades finden primär am Core statt.
Warum CEXs anfällig sind
- Fragmentierte Liquidität & 24/7: Viele Venues, heterogene Latenzen - ökonomisch sinnvoll, Quotes zentral zu ermitteln und überall zu spiegeln.
- Gebühren/VIP-Rebates: Rebate-Strukturen ermöglichen enge Pegs zu vertretbaren Kosten; Hedges am Core reduzieren Risiko.
- Transparenzlimit (L2): Ohne marktweiten Audit-Trail sind Peg-Netze schwer zu attribuieren; Hidden/Iceberg verschleiern Restmengen.
- Institutionelle Hubs: Venues mit hoher Tiefe (institutioneller Fokus) setzen Anker-Quotes, denen andere nachziehen.
Vergleich: regulierte Börsen
Preisfindung vs. Nachzügler: In Aktien gibt es umfangreiche Evidenz/Tools zu Information-Share & Lead/Lag; auch Bitcoin-Spot-Studien zeigen Preisführerschaft einzelner Exchanges - Vorläufermuster für Mirroring.
Audit & Regeln: FINRA Rule 5210 und der CAT (SEC Rule 613) erlauben Sequenz-Attribution (Quote→Trade→Cancel) über Venues; Mirroring-Netze wären schneller objektivierbar. CEX-Spot hat kein CAT-Äquivalent.
Ergebnis: „Blindes Nachspuren“ ist dort transparenter und kurzlebiger; im Krypto-Spot bleibt es wettbewerblich verbreitet.
Warum Früherkennung kritisch ist – und was sich in der EU ändert
- MiCA-Zeitleiste: In Kraft 29.06.2023; anwendbar ab 30.06.2024 (u. a. ART/EMT) & 30.12.2024 (CASP-Pflichten). Übergänge bis 01.07.2026 möglich - 2025/26 uneinheitliche Aufsichtspfade. Surveillance fokussiert verhaltensbasierte Indikatoren (Lead/Lag, Peg-Persistenz, OTR).
- Benchmarks & Indizes: Spot-Referenzen (BRR/BRRNY u. a.) nutzen CEX-Trades → Cross-Venue-Signaturen sind aufsichtsrelevant, v. a. in Fix-Fenstern. Kohärente Peg-Netze können Close-/Fix-Moves verstärken oder dämpfen.
- Trader-Nutzen: Früherkennung schützt vor Scheintiefe & Latency-Arbitrage-Nachteilen; Post-Trade-Dossiers erleichtern Best-Execution.
Konkrete Schwellen/Alarm-Regeln (E3/E2/E1)
Baseline: 30-Tage-Historie, stündliche Bins (UTC), Toleranz ±15 Min je Symbol×Venue. Referenz-Venue pro Symbol definieren (z. B. BTC-USD: Coinbase/LMAX; BTC-USDT: Binance/Kraken).
Metriken (Auswahl): Mirror-Error (bps) zwischen BBOZiel & BBOReferenz; Peg-Persistenz (% Zeit); Lead/Lag (1-s-Bins über Venues); Re-Quote-Synchronität (Burst-Kohärenz); Depth-Korrelation (Top-k); OTR; Spread-Co-Movement; VWAP-Drift vs. Mid.
E3 – hoch (eng gepeggtes, persistentes Mirroring)
- Mirror-Error ≤ P1 und Peg-Persistenz ≥ P99 über ≥ 5 Min,
- Lead/Lag stabil (Referenz führt 500–900 ms) über ≥ 5 aufeinanderfolgende 1-s-Bins,
- Re-Quote-Synchronität: ≥ 80 % der Core-Re-Quotes spiegeln sich am Ziel ≤ 300 ms später,
- Depth-Korrelation ≥ 0,8 (Top-5) bei OTR ≥ P99 am Ziel-Venue.
E2 – mittel (teilweises Mirroring)
- Mirror-Error ≤ P5 oder Peg-Persistenz ≥ P95 über ≥ 3 Min,
- Lead/Lag mit ≥ 700 ms Führung in ≥ 3/5 Bins,
- Spread-Co-Movement (≥ P95) ohne lokale News/Trades am Ziel-Venue.
E1 – niedrig (Vorwarnung)
- Mirror-Error fällt plötzlich unter P10 oder Peg-Persistenz steigt > P90; erste Re-Quote-Kohärenz-Cluster sichtbar.
Praxis-Hinweise (Fehlalarme minimieren)
- Event-Filter (UTC): Listings/Relistings, Wartungsfenster, MM-Rückzüge (negatives Mirroring: gleichzeitige Tiefe-Entnahme), Makro-Slots (CPI/FOMC).
- Core-Venue sauber wählen: Pro Symbol USD/EUR/USDT-Paare getrennt betrachten; sonst verfälschen FX/Stablecoin-Basis den Mirror-Error.
- Legitime Alternativen: Smart-Order-Routing & Arbitrage-Hedges erzeugen ähnliche Signaturen; fehlender Hedge-Footprint & OTR-Exzesse deuten auf oberflächliches Mirroring ohne Substanz.
- Datenqualität: L2-Gaps/Fehler ≥ 1 % → Fenster verwerfen; Zeiteinheiten ms, Preisabweichungen bps; UTC-Timestamps & Notional dokumentieren.
- Cross-Pair-Check: Bei Triangulation (BTC-USD/USDT/EUR) Mirror-Error nach Fees/FX normalisieren - sonst Schein-Abweichungen.
Warum das wichtig ist (Trader-Nutzen & Compliance)
- Ausführung & Risiko: Mirroring-Venues erkennen ⇒ Scheintiefe nicht überschätzen, Core-Routen für impact-kritische Orders wählen, Slippage reduzieren.
- Strategie & Alpha: Latency-Aware Scheduling (Core → Satellit) & Hedge-Aware Pricing verbessern Fills; Don’t chase the mirror vermeidet Fade/No-Fill-Risiken.
- Best-Execution & Aufsicht: E-Level-Protokolle (Mirror-Error, Peg-Persistenz, Lead/Lag, OTR, Depth-Korrelation) liefern prüffähige Dossiers - kompatibel mit MiCA/MAR-Erwartungen an Marktintegrität auch ohne CAT-Äquivalent.
Relevante Quellen
- Kaiko – Crypto Exchange Liquidity Lowdown (06.06.2024).</li>
- Kaiko – How is Crypto Liquidity Fragmentation Impacting Markets? (12.08.2024).
- Kaiko – Top 10 Charts of 2024 (19.12.2024).
- Kaiko – When October Surprise Meets Crypto Liquidity Drought (13.10.2025).
- Hummingbot – Cross-Exchange Market Making (XEMM) (o. D.).
- Flovtec – Crypto Market Making Strategies: Cross-Exchange Liquidity Mirroring (09.03.2023).
- Brandvold et al. – Price Discovery on Bitcoin Exchanges (2015).</li>
- ESMA – Statement on MiCA Transitional Measures (17.12.2024).