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Beitrag 12

Marktanomalie: Iceberg Orders (Legal)

Kurz erklärt: Eine Iceberg-Order („Reserve-Order“) zerlegt eine große Limit-Order in sichtbare kleine „Peaks“ und eine verborgene Reserve. Nach jedem Fill erscheint automatisch der nächste Peak – so sinkt Markteinfluss/Slippage. Die Orderart ist legitim; die Anomalie entsteht durch ihr Wirkbild im Tape (scheinbar endlose Liquidität) und Fehlinterpretationen anderer.

Markt CEX Spot, CEX Derivate
Evidenzstatus & Stand Spot-belegt · Stand: 18.10.2025, 12:00 UTC

Dokumentierte Szenarien (CEX-basiert)

  • Binance (Spot, API): LIMIT/LIMIT_MAKER kann per icebergQty zur Iceberg gemacht werden; Time-in-Force = GTC verpflichtend.
  • OKX (Algo-Order „Iceberg“): Vorgefertigte Iceberg-Strategie (Slicing-Modi wie „schnell“, „Preis/Geschwindigkeit“, „passiv“); Limits für ausstehende Algos dokumentiert.
  • Bitfinex (Hidden / „Visible on Hit“): Hidden-Orders; Option zeigt Rest erst nach Teil-Fill – funktional verwandt mit Iceberg-„Peaking“.
  • Orderflow-Drittanalysen: L3/Order-Event-Daten werden genutzt, um Icebergs via Queue-Replenishment & wiederkehrende Peak-Mengen zu erkennen.

Icebergs sind legitim (Impact-Reduktion). Missbrauch beginnt erst in Täusch-Kombis (z. B. Iceberg + künstlicher Gegendruck).

Funktionsprinzip

Kurz & verständlich

  1. Motiv: Große Orders wollen Preiswirkung & Offenlegung der Gesamtgröße vermeiden.
  2. Mechanik: Statt 1×10 000 Stück: z. B. 50×200 sichtbare Peaks. Jeder Fill triggert sofort den nächsten Peak (solange Reserve besteht).
  3. Effekt im Tape: Stetig „nachwachsende“ Restmengen am selben Preis wirken wie stabile Tiefe.
  4. Wirkung: Absorption/Dämpfung mit weniger Slippage für den Platzierenden.
  5. Grenze zur Anomalie: Fehlinterpretation als „echter Support“ oder Kombination mit irreführenden Gegensignalen verfälscht das Marktbild.

Eindeutige Erkennungsmerkmale (live beobachtbar)

  • Replenishment am gleichen Preis: Unmittelbar (ms-Bereich) nach jedem Fill erscheint wieder eine ähnliche Peak-Menge.
  • Konstante Peak-Größe: Viele Fills mit nahezu identischer Stückzahl (±2–5 %) auf demselben Level.
  • VWAP-Drift ≈ 0: Trotz vieler Fills kaum Preisfortschritt (absorbierende Seite).
  • Queue-Signatur (L3): Wiederholte Add/Replace auf gleicher Stufe → „Reserve wird nachgeladen“.

Warum CEXs anfällig sind

  • Native Iceberg-Unterstützung & hohe API-Takte → feingranulares Slicing trivial.
  • Begrenzte Transparenz: Öffentliche Feeds zeigen keine Gegenparteien-IDs; ohne L3 ist Reserve-Nachschub nur indirekt sichtbar.
  • Interpretationsrisiko: „Unendlicher“ Bid/Ask wirkt wie echte Tiefe → Fehltrades bei reinem L1/L2-Blick.

Vergleich: regulierte Börsen

Icebergs sind erlaubt (z. B. Nasdaq „Reserve/Iceberg“), aber Surveillance adressiert irreführende Kombinationen. Regulatoren verfügen über vollständige Order-Lebenszyklen, UTC-Zeitqualität (MiFID II/RTS 25) und Cross-Market-Sicht – Missbrauchsmuster werden früher belegt.

Warum Früherkennung kritisch ist – und was sich in der EU ändert

  • Marktwirkung: „Nachwachsende“ Peaks verfälschen Trend-/Liquiditätssignale, verschleppen Breakouts und begünstigen Squeezes.
  • MiCA-Kontext: weitgehend anwendbar seit 30.12.2024; Übergang bis 01.07.2026 möglich (mitgliedstaatlich). Erwartet werden wirksame Kontrollen gegen irreführende Ordersignale.

Konkrete Schwellen/Alarm-Regeln (E3/E2/E1)

Adaptiv, quantilbasiert, je Symbol/Venue gegen 30-Tage-Baseline zur gleichen Tageszeit. Benötigt: mind. L2. Ideal L3-Events (Order-Add/Replace/Fill-Sequenzen).

E3 (hoch) – „klassische Iceberg-Signatur“

  • ≥ 10 Fills am gleichen Preislevel innerhalb ≤ 3 Min,
  • Peak-Konstanz: Median-Peakgröße im Cluster ± ≤ 5 %,
  • Sofort-Replenishment: Median Zeit Fill → neues Add/Replace ≤ 150 ms,
  • VWAP-Drift: < 5 bp.

E2 (mittel)

  • ≥ 6 Fills in ≤ 3 Min, Peak-Konstanz ± ≤ 10 %, Drift < 10 bp.

E1 (niedrig)

  • Serie identischer Fills (≥ 3) in ≤ 2 Min bei stabilem Spread → Watchlist.

Ohne L3 wird Replenishment aus Zeit-/Größenmustern abgeleitet; mit L3 (Order-IDs/Queue-Position) steigt die Evidenz.

Praxis-Hinweise (Fehlalarme minimieren)

  • Market-Making abgrenzen: Ähnliche Serien möglich → erst Konstanz + sofortiges Nachladen + geringe Preisdrift zusammen werten.
  • Mehrere Venues prüfen: Echte Flows spiegeln sich oft cross-venue; lokales Replenishment nur auf einer Venue ist Iceberg-typischer.
  • Event-Kontext checken: News/Listing/Funding können legitime Absorption erzeugen.
  • „Visible on Hit“ ≠ Iceberg: Verwandt, aber nicht identisch; kann ähnliche Nachlade-Bilder zeigen.

Warum das wichtig ist (Trader-Nutzen & Compliance)

  • Für Trader: Sichtbare Tiefe realistischer einschätzen, Breakouts/Exits besser timen, Slippage senken.
  • Für Betreiber/Compliance: Replenishment-Evidenz (Zeit/Größe/Queue) ist Kern moderner Überwachung; MiCA erwartet das Erkennen irreführender Signale.

Relevante Quellen

  • Binance – Spot API/Support („Trading endpoints“, „What Is an Iceberg Order?“) – icebergQty, GTC-Pflicht.
  • OKX – Iceberg Strategy (Help & FAQs) + API-Guide (Modi/Limits).
  • Bitfinex – Hidden / Visible-on-Hit (Support/Docs).
  • Nasdaq – Reserve (Iceberg) Factsheet & Disruptive Trading Practices FAQ (zulässige Orderart, missbräuchliche Kombis verboten).
  • CoinAPI / Kaiko – Beiträge zu L3/Order-Book-Analysen (Queue-Rekonstruktion, Iceberg-Erkennung).
  • ESMA/AMF – MiCA-Übergangsrahmen (seit 30.12.2024; Übergang bis 01.07.2026 möglich).