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Beitrag 7

Marktanomalie: Front Running

Kurz erklärt: Vorwegnehmen einer erwarteten größeren Order. Auf CEX geschieht das durch Speed-Vorteile oder Orderbuch-Signale (z. B. Iceberg-Treffer, Refill-Rhythmus); auf DEX oft durch sichtbare Mempool-Transaktionen. Der „Front-Runner“ handelt zuerst, der Markt bewegt sich, und er dreht die Position mit Gewinn. Für die Preisfindung nachteilig, weil andere schlechtere Fills erhalten. Für Einsteiger: Große, vorlaufende Prints kurz vor ersichtlichen Blocks sind typisch.

Markt CEX Spot, CEX Derivate
Evidenzstatus & Stand Spot-belegt · Stand: 18.10.2025, 12:00 UTC

Dokumentierte Szenarien (CEX-basiert)

  • Coinbase-Listings, 2021–2022: Ein damaliger Coinbase-Produktmanager nutzte nicht-öffentliche Listing-Informationen, um Dritte vor offiziellen Ankündigungen handeln zu lassen. Ergebnis: Schuldbekenntnis (Feb 2023) und Freiheitsstrafe (Mai 2023); zivilrechtliche SEC-Einigung (Mai 2023).
  • On-Chain-Hinweislage vor Listings (2021–2022): Analysen (u. a. Argus, berichtet u. a. im Wall Street Journal) zeigten Wallet-Käufe kurz vor Coinbase/Binance-Listings mit anschließenden Gewinnen (zus. ≥ 1,7 Mio. USD in ausgewählten Fällen). Status: journalistisch/analytisch dokumentiert, kein Gerichtsurteil.
  • FTX/Alameda (2020–2022): Berichte dokumentieren Token-Aufbau vor FTX-Listings durch ein verbundenes Handelshaus. Status: Medienbericht mit On-Chain-Bezug; getrennt von späteren FTX-Strafverfahren zu bewerten.

Funktionsprinzip

Kurz & verständlich: Front Running beschreibt Handel im Voraus: Jemand nutzt Wissen über bevorstehenden preisrelevanten Flow (z. B. neues Listing, großer Kundenauftrag, Indexaufnahme) und positioniert sich vorher. Steigt der Preis nach Veröffentlichung bzw. nach dem Kundenauftrag, kassiert der Vorab-Händler die Bewegung.

So passiert das auf CEXs typischerweise

  1. Informationsvorsprung entsteht – z. B. Zugriff auf interne Listing-Pipelines, undichte Stellen bei Dienstleistern oder Analyse von Wallet-/Zuflussmustern.
  2. Vorab-Positionierung: Kauf/Verkauf vor offizieller Mitteilung bzw. vor dem Blockauftrag.
  3. Event-Impuls: News/Block geht live → sprunghafte Preisreaktion.
  4. Exit: Schließen der Position in den Reaktionsfluss hinein.

Wichtig für die Abgrenzung:

  • Insiderhandel (Nutzung nicht-öffentlicher Informationen, z. B. Listing-Entscheidungen) ist verboten und wurde im Coinbase-Fall straf-/zivilrechtlich geahndet.
  • Event-Antizipation ohne Insiderinfos (öffentlich erkennbare Muster) ist nicht per se illegal, kann aber aufsichtsrechtlich relevant sein, wenn vertrauliche Informationen missbraucht oder Kundenaufträge gezielt vorweggenommen werden (vgl. traditionelle Front-Running-Verbote).

Eindeutige Erkennungsmerkmale (live beobachtbar)

  • Vorab-Rallye 24–72 Stunden vor offiziellem Listing-Post (Exchange-Kanäle), überproportionales Volumen, auffällige Wallet-Akkumulation.
  • Wiederholte Muster desselben Wallet-Clusters vor mehreren Events (auffällige Trefferquote).
  • Ungewöhnliche Flows in börsennahen/Market-Maker-Wallets kurz vor Newsfenstern; sofortiger Abbau nach Event.
  • Bei kundenorder-bezogenem Front Running: Preisimpuls kurz vor erkennbaren Blockprints; mikrostrukturell über Impact-Spitzen unmittelbar vor großen Tape-Ereignissen erkennbar.

Warum CEXs anfällig sind

  • Listing-Pipelines & kleine Kernteams: Wenige Personen kennen Zeitpunkt/Asset – Leaks wirken im 24/7-Handel sofort.
  • Fehlende CAT-Äquivalente: Ohne börsenübergreifenden Audit-Trail ist die Rekonstruktion wer-wann-wusste-was schwieriger als an Aktienbörsen.
  • Nahe Beziehungen zu Market Makern: Technische/operative Nähe kann Informationsbarrieren schwächen, wenn Governance unzureichend ist.

Vergleich: regulierte Börsen

  • FINRA-Regel 5270: Verbot des Handels im Vorlauf zu Kunden-Blockaufträgen.
  • EU-MAR, Art. 8 (Insiderhandel): Nutzung insiderlicher Informationen ist verboten; Sanktionen reichen bis zum Strafrecht.
  • Informationsbarrieren & Überwachung: „Chinese Walls“, Restricted Lists und Cross-Market-Surveillance (inkl. CAT in den USA) sind Standard.

Warum Früherkennung kritisch ist – und was sich in der EU ändert

  • Marktqualität & Fairness: Front-Running-Episoden verzerren Preisfindung und verursachen Wealth-Transfers von Späten an Frühe.
  • MiCA & Übergangsphase: Seit 30.12.2024 weitgehend anwendbar; CASPs, die vorher aktiv waren, können bis 01.07.2026 unter nationalen Übergangsregeln weiterarbeiten. ESMA fordert wirksame Marktintegritäts-Kontrollen inkl. Detektion vorab-gesteuerter Flows (z. B. vor Listings).

Konkrete Schwellen/Alarm-Regeln (E3/E2/E1)

Adaptiv, quantilbasiert, je Symbol/Venue gegen 30-Tage-Baseline zur gleichen Tageszeit. Benötigt: Preis/Volumen in ≤ 5-Min-Auflösung; Event-Zeitpunkte (offizielle Ankündigungen/Listing-Posts); ideal: Wallet-/Zufluss-Signale.

E3 (hoch) – „Listing-Vorlauf, wiederholtes Cluster“

  • ΔPreis ≥ +15 % und ΔVolumen ≥ 20× Baseline innerhalb 48 h vor offizieller Ankündigung und
  • ≥ 2 wiederkehrende Wallet-/Account-Cluster mit signifikanter Netto-Akkumulation vor ≥ 3 verschiedenen Listings in den letzten 6–12 Monaten und
  • Abbau (Netto-Verkäufe) ≤ 60 Min nach Listing-Go-Live.

Begründung: Spiegelt die dokumentierte Vorab-Akkumulation plus unmittelbaren Abbau nach dem Event.

E2 (mittel)

  • ΔPreis +8–15 % und ΔVolumen ≥ 10× 24–72 h vor Ankündigung oder
  • signifikantes Pre-Event-Alpha desselben Clusters bei ≥ 2 Events (Event-Study, p < 0,05).

E1 (niedrig)

  • Moderate Pre-Event-Anomalien (ΔPreis +5–8 %, ΔVolumen ≥ 5×) bei einzelnen, illiquiden Paaren → Watchlist bis weitere Evidenz (Cluster-Wiederholung) vorliegt.

Praxis-Hinweise (Fehlalarme minimieren)

  • Zeitstempel sauber anlegen: „Öffentlich“ zählt ab offizieller Veröffentlichung (Exchange-Blog/X/Ankündigung). Alles davor = Pre-Event.
  • Gerüchte vs. Primärquelle: Moves nur auf Gerüchte nicht als E3 werten; Issuer/Exchange-Kanäle als Source of Record hinterlegen.
  • Liquidität kalibrieren: Schwellen für Small-Caps und Majors getrennt; illiquide Paare überreagieren häufiger.
  • Wallet-Forensik mit Vorsicht: Starkes Signal, aber kein Alleinbeweis – immer mit Preis/Volumen & Event-Timing kombinieren.

Warum das wichtig ist (Trader-Nutzen & Compliance)

  • Für Trader: Vorlauf-Muster erkennen → keine FOMO-Einstiege kurz vor dem Hoch.
  • Für Betreiber/Compliance: Dokumentierte Pre-Event-Anomalien (Zeitstempel, Event-Study, Cluster-Nachweise) reduzieren Reputations-/Rechtsrisiken und zeigen MiCA-Konformität.

Relevante Quellen

  • U.S. Attorney’s Office, SDNY: „Former Coinbase Insider Pleads Guilty …“, 7. Feb. 2023; „… Sentenced …“, 9. Mai 2023.
  • U.S. Securities and Exchange Commission (SEC): PM 2022-127, 21. Juli 2022; PM 2023-98, 30. Mai 2023; SEC-Klage (PDF).
  • Wall Street Journal / Argus Research: „Crypto Might Have an Insider Trading Problem“, 21. Mai 2022; Fortune/WSJ-Berichte zu Argus & Alameda-Listing-Vorlauf.
  • FINRA: Rule 5270 „Front Running of Block Transactions“, Reg. Notice 12-52 (2012).
  • EU-MAR: Regulation (EU) No 596/2014, Art. 8 „Insider dealing“ (amtliche Fassung).
  • ESMA: Statement on MiCA Transitional Measures, 17. Dez. 2024; MiCA-Übersichtsseite (Grandfathering bis 01.07.2026).