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Beitrag 13

Marktanomalie: Cross-Exchange Wash

Kurz erklärt: Mehrbörsige Scheingeschäfte: dieselbe Partei (oder verbundene Parteien) erzeugt künstliches Handelsvolumen auf mehreren CEXs zugleich – meist via spiegelbildlicher Käufe/Verkäufe über kontrollierte Konten. Ziel: aggregiertes Volumen & scheinbare Liquidität für Rankings/Listen. Erkennbar an synchronen Volumen-Pulsen, identischen Größen-Serien, Round-Trips & Benford-Abweichungen.

Markt CEX Spot, CEX Derivate
Evidenzstatus & Stand Spot-belegt · Stand: 18.10.2025, 12:00 UTC

Dokumentierte Szenarien (CEX-basiert)

  • Operation „Token Mirrors“ (USA, 2024–2025): US-Justiz klagt 18 Personen/Firmen (u. a. Gotbit, CLS Global, ZM Quant, MyTrade) wegen mehrbörsiger Wash-Bots; benannte Venues u. a. BitMart, LBank, XT.com. Geständnisse/Verurteilungen folgten.
  • SEC-Zivilklagen (Okt. 2024): Zivilverfahren gegen Promoter und „Market-Maker-as-a-Service“ wegen künstlichem Volumen über mehrere Börsen.
  • Industrie/Research: Coin Metrics (Trusted Exchange Framework) und Kaiko zeigen cross-market-Korrelationen, Lead/Lag, Round-Trip-Raten als robuste Indikatoren.

Die Literatur verbindet Benford-Abweichungen, Rundungs-Cluster und Round-Trip-Serien mit Wash-Trading–Wahrscheinlichkeit.

Funktionsprinzip

  1. Akteure & Motiv: Token-Teams oder beauftragte „Market Maker“ drucken spiegelbildliche Fills auf ≥ 2 CEXs.
  2. Mechanik: Bots kaufen auf Börse A und verkaufen auf Börse B (und umgekehrt) – viel Tape, keine Netto-Positionsänderung.
  3. Zielbilder: Aggregator-Volumen & Listingsichtbarkeit; scheinbarer Price-Discovery-Lead/Lag.
  4. Signatur: Synchrone Volumen-Pulse, identische Größen, Round-Trips, Benford-Abweichungen.

Eindeutige Erkennungsmerkmale (live beobachtbar)

  • Synchron-Pulse: Sehr hohe Volumen-Korrelation (Sekunden-Bins) ≈ Event-gleich, Lead/Lag ≈ 0.
  • Spiegel-Fills: Wiederkehrende identische Stückzahlen (±2–5 %) auf mehreren Venues im ms–s-Takt.
  • „Viel Lärm, kein Trend“: Hohe Tape-Dichte bei minimalem Preisfortschritt/VWAP-Drift.
  • Round-Trip-Häufung: Kauf→Verkauf→Kauf-Permutationen dominieren statistisch.

Warum CEXs anfällig sind

  • Fragmentierung & Ranking-Anreize: Volumen-basierte Sichtbarkeit fördert Scheinaktivität.
  • Hohe API-Takte & Services: „MM-as-a-Service“ & Bots erlauben triviales Multi-Venue-Slicen.
  • Begrenzte Cross-Venue-Transparenz: Kein CAT-Äquivalent; öffentlich meist keine Gegenparteien-IDs/L3-Historik über Venues.

Vergleich: regulierte Börsen

FINRA 5210 untersagt das Veröffentlichen nicht bona-fide Transaktionen; SEC Rule 613 (CAT) verknüpft Order-Lebenszyklen quer über US-Venues – genau das erschwert Cross-Exchange-Wash erheblich.

Warum Früherkennung kritisch ist – und was sich in der EU ändert

  • Marktqualität: Künstliches Multi-Venue-Volumen verzerrt Preisfindung & Liquiditäts-Scores.
  • MiCA & Übergang: Anwendbar seit 30.12.2024; Übergangsregime bis 01.07.2026 möglich. Erwartet: wirksame, börsenübergreifende Surveillance gegen order-/verhaltensbasierte Täuschung.

Konkrete Schwellen/Alarm-Regeln (E3/E2/E1)

Adaptiv je Symbol & Venue-Paar; 30-Tage-Baseline zur gleichen Tageszeit. Benötigt: mind. L2 auf ≥ 2 Börsen. Ideal L3-Events.

E3 (hoch) – „Synchron-Spiegelung über Venues“

  • Volumen-Korrelation (1-Sek-Bins) > 0,90 zwischen zwei Börsen, und
  • ≥ 8 identische/nahe identische Fills (±≤ 5 %) in ≤ 3 Min auf beiden Venues, und
  • Lead/Lag |≤ 100 ms (oder ≤ 1 s bei unsicheren Clocks), und
  • Benford-Abweichung je Venue > p99 der Baseline.

E2 (mittel)

  • Volumen-Korrelation > 0,75 (5-Sek-Bins) oder wiederholte Rundungs-Cluster (Top-N Größen deckungsgleich über Venues),
  • VWAP-Drift im Cluster < 10 bp trotz hoher Aktivität.

E1 (niedrig)

  • Gehäufte Round-Trips + erste Benford-Abweichung > p97 oder gleichförmige Stückzahl-Serien ohne Nachrichtenfluss.

Interpretation: Korrelation + Lead/Lag + Größenstatistik in Kombination werten; Einzelmetriken isoliert vermeiden Overfitting.

Praxis-Hinweise (Fehlalarme minimieren)

  • Arb/Hedging abgrenzen: Echte Arbitrage zeigt Preis-Konvergenz & Orderbuch-Erosion; Wash = „viel Tape, wenig Preisweg“.
  • Fenster/Saisonalität: Funding-Turns, Index-Prints können legitime Synchronität erzeugen – mehr Kontext prüfen.
  • Mehrdaten: Falls verfügbar, On-/Off-Chain Flows von Emittenten/MMs als Indiz für Konto-Verbünde sichten.
  • Cross-Venue-Check: Breiter Marktmove ≠ lokal isolierte Pulse; Letztere sind verdächtiger.

Warum das wichtig ist (Trader-Nutzen & Compliance)

  • Für Trader: Aggregierte Tiefe realistischer bewerten, Einstiege/Ausstiege robuster timen, Slippage senken.
  • Für Betreiber/Compliance: Dokumentierte Multi-Venue-Signaturen (Korr/Lead-Lag/Größenmuster) stützen Reviews & STORs – passend zu MiCA-Erwartungen.

Relevante Quellen

  • U.S. DOJ (USAO-MA), 9. Okt. 2024: „Operation Token Mirrors“ – Wash-Bots über mehrere Börsen; benannte Venues & Beteiligte.
  • U.S. DOJ / IRS-CI (2025): Folge-Mitteilungen zu Verurteilungen/Strafen (z. B. CLS Global).
  • SEC, 9. Okt. 2024: Zivilklagen gg. „Market-Maker-as-a-Service“/Promoter wegen künstlichem Volumen.
  • Cong, Li, Tang, Yang (NBER 30783, 2022): „Crypto Wash Trading“ – Benford, Rundungs-Muster, Round-Trips; Börsenmerkmale.
  • Coin Metrics: Trusted Exchange Framework 2.1 & „State of the Network“ – Cross-market-Metriken (Korr/Lead-Lag/Sequenzen).
  • Kaiko Research (2024): „Data Reveals Wash Trading on Crypto Markets“ – FBI-Datenspur, Praxisbeispiele.
  • FINRA: Rule 5210; Notice 14-28 (Self-Trades).
  • SEC / CAT: Rule 613 – Consolidated Audit Trail (Quer-marktlicher Order-Audit-Trail).
  • ESMA (17.12.2024): MiCA-Übergangsmaßnahmen; AMF-Zeitplan – Übergang bis 01.07.2026 möglich.